RATHENOW - Wenn man neben Hans Schwarz die Treppe hinaufläuft, dann schämt man sich ein bisschen. Seinen 83. Geburtstag feiert der Mann in wenigen Wochen, und doch nimmt er die Stufen so mühelos, dass man als untrainierter Mittvierziger alt aussieht dagegen. Er sei sein Leben lang gern im Gebirge gewandert, sagt Schwarz, wie zur Entschuldigung. Und auch als Kind und Jugendlicher habe er sich viel bewegt. Freiwillig und unfreiwillig. So etwas präge einen fürs Leben.
Die Kindheit und Jugend verbrachte Schwarz in Rathenow. Von 1937 bis zum Dezember 1944 lebte er in der Forststraße 41. Als Deutschland am Ende des Krieges alles mobilisierte, um die Niederlage abzuwenden, wurde auch der damals 16-Jährige ins Gefecht geworfen. Mit einer Truppe von Gleichaltrigen ging es Richtung Schwerin – die Russen aufhalten. Doch so chaotisch war die Lage im Frühjahr 1945, dass sich Schwarz und drei Freunde absetzten und in einem Gewaltmarsch zu Fuß bis zur Elbe durchschlugen. Das meint Schwarz wohl, wenn er von unfreiwilliger Bewegung spricht.
Dass Schwarz, dessen Vater ein Urschweizer war, im Havelland aufwuchs, hat mit der Armut zu tun, die Ende des 19. Jahrhunderts im Emmental herrschte. In der Hoffnung auf ein Leben ohne Hunger und Not verließen zwischen 1850 und 1914 rund 400 000 Schweizer ihre Heimat. Viele zog es in die Vereinigten Staaten, Karl Schwarz und zwei Brüder verschlug es ins Brandenburgische. „In Deutschland gab es viel Milch, aber zu wenig Fachleute, die sich mit der Verarbeitung auskannten. Da hat mein Vater seine Chance gesehen“, so Hans Schwarz.
Der Mut wurde belohnt. In Satzkorn bei Potsdam fand der Vater eine Anstellung in einem landwirtschaftlichen Betrieb und arbeitete sich zum Leiter der Milchproduktion hoch. Später folgte dann der Umzug ins Havelland. Die Liebe war schuld: Karl Schwarz hatte ein Rathenower Mädchen kennen gelernt.
Wenn man Hans Schwarz, der jüngst nach 67 Jahren zum ersten Mal wieder in Rathenow war, beim Erinnern zuhört, dann gewinnt eine Stadt Kontur, die es längst nicht mehr gibt. Das Elternhaus in der Forststraße wurde abgerissen. Ebenso verschwunden sind das Kaufhaus Conitzer, das Apollo-Filmtheater, und das Café Rheingold, wo, wie Schwarz sich erinnert, „immer Tanz und Remmidemmi war“. Die Sankt-Marien-Andreas-Kirche, in der Schwarz konfirmiert wurde, steht aber noch. Ebenso die Zietenkasernen, das Amtsgericht und einige andere Gebäude. Sie alle hat Hans Schwarz aufgesucht, hat sie fotografiert und hat so versucht, Ordnung in seine Erinnerungen zu bringen, die ihm nach fast 70 Jahren kreuz und quer durch den Kopf geistern. Eines aber hat er noch genau vor Augen. Die Feste, die gefeiert wurden, wenn sich der Vater einmal im Jahr mit seinen Brüdern traf. „Das waren auch im Exil glühende Schweizer“, erinnert sich Schwarz. „Es war immer dasselbe. Es wurde gejodelt, getrunken, und am Ende wurde geweint.“
Ebenfalls nicht verblasst sind die Erinnerungen an die Lehre bei der Emil Busch AG, die Schwarz 1943 begann und wegen des Krieges nach zwei Jahren abbrechen musste. Sogar an die Namen von Kollegen und Lehrmeistern kann es sich noch erinnern.
Diese Lehre war für seinen beruflichen Werdegang in der Schweiz bestimmend, in die Hans Schwarz 1946 zurückkehrte. Als in einer großen Kugellagerfirma die Stelle eines Kontrolleurs frei wurde, bewarb sich Schwarz – auch wenn er von dem Metier keine Ahnung hatte. Beim Probearbeiten fiel ihm auf, dass die Mikroskope, mit denen das Material geprüft wurde, nach jahrelangem Gebrauch trübe und unscharf waren. Schwarz nahm eines mit nach Hause, baute es auseinander, reinigte die Linsen, setzte alles wieder zusammen und hatte, als er den Vorgesetzten das Ergebnis am nächsten Tag präsentierte, gewonnen. Bis zu seiner Pensionierung 1994 war er in dem Betrieb als Meister tätig.
„Das habe ich der Ausbildung in Rathenow zu verdanken“, sagt Schwarz. „In der Emil Busch AG, da hat man wirklich was gelernt.“
Hans Schwarz, der in Zürich lebt, würde gerne Kontakt aufnehmen zu Menschen, mit denen er in seiner Rathenower Zeit bekannt war. Wer sich angesprochen fühlt, kann sich in der MAZ-Lokalredaktion melden ( 0 33 85/52 98 0) Wir stellen dann den Kontakt her.
(Von Markus Kniebeler)